Vestibularsyndrom

Was ist das Vestibularsyndrom?

Das Vestibularsyndrom bezeichnet eine Störung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr. Der Vestibularapparat hat die Aufgabe, dem Gehirn die Position des Körpers im Raum zu übermitteln – er ist die Grundlage für abgestimmte Bewegungen und räumliche Orientierung.

Ist dieses System gestört, gerät der Körper buchstäblich aus dem Gleichgewicht – mit teils dramatischen Symptomen, die Besitzer häufig in Panik versetzen.

💡 Typisches Vorkommen: In der Regel ältere Hunde – man spricht vom Geriatrischen Vestibularsyndrom. In selteneren Fällen können auch jüngere Tiere betroffen sein.

Kein Schlaganfall – auch wenn es so aussieht!

Die Symptome ähneln einem Schlaganfall so stark, dass Tierärzte in der Kommunikation mit Besitzern oft diesen Begriff verwenden. Medizinisch ist es jedoch keine Durchblutungsstörung im Gehirn, sondern eine Funktionsstörung des Gleichgewichtsapparats.

Der entscheidende Unterschied: Beim Vestibularsyndrom ist die Kraft in den Beinen erhalten – nur die Koordination fehlt! Die Prognose ist beim geriatrischen Typ meist sehr gut – oft bereits nach 48–72 Stunden deutliche Besserung.

Woran erkenne ich ein Vestibularsyndrom?

Die Symptome treten typischerweise plötzlich und massiv auf – oft innerhalb weniger Stunden:

  • Kopfschiefhaltung – der Kopf wird zur betroffenen Seite geneigt

  • Nystagmus – unkontrolliertes Augenzittern, meist horizontal oder rotierend

  • Ataxie – schwankender „betrunkener" Gang, Umkippen oder Rollen um die eigene Längsachse

  • Übelkeit – durch den extremen Schwindel: Speicheln und Erbrechen häufig

  • Keine Lähmungen – die Kraft in den Beinen bleibt erhalten!

  • Starke Desorientierung – der Hund wirkt völlig verwirrt und verängstigt

💡 Beim Vestibularsyndrom sieht es dramatischer aus als es ist – und genau das müssen wir dem Besitzer als erstes sagen!

Was können wir für euren Hund tun?

Das Vestibularsyndrom ist eines der Krankheitsbilder, bei dem wir schnell, gezielt und mit viel Einfühlungsvermögen eingreifen können.

Wichtig: Wir beginnen erst mit der Bewegungstherapie, wenn die akute Übelkeit abgeklungen ist – vorher wäre jede Therapie für den Hund quälend!

Akutphase – erste 48–72 Stunden:

  • Lagerungsmanagement – sicheres Liegen, Dekubitusprophylaxe

  • Ruhige Umgebung – Reizreduktion ist oberstes Gebot

  • Sanfte Berührung – Kontakt halten und Sicherheit vermitteln

  • Besitzerberuhigung – erklären was passiert und warum es meist gut ausgeht

Rehabilitationsphase – ab Abklingen der Übelkeit:

  • Repositionsmanöver (Epley oder Semont) – bei Beteiligung der Otolithen (Lagerungsschwindel)

  • Assistiertes Stehen – sicheres Stehen wieder aufbauen

  • Propriozeptionstraining – Wackelbrett und Balancekissen in kleiner Dosierung

  • Unterwasserlaufband – sobald der Hund sicher steht, ideal für die Gleichgewichtsrehabilitation

  • Koordinationsübungen – Cavaletti, langsames Gehen auf verschiedenen Untergründen

  • Massage – Entspannung der verspannten Hals- und Nackenmuskulatur durch die Kopfschiefhaltung

  • Kinesio-Taping – Propriozeptionstape zur sensorischen Stimulation

Das Wichtigste für den Alltag

  • Niemals in der Akutphase mit Bewegungstherapie beginnen – erst warten bis die Übelkeit nachlässt!

  • Ruhige, reizarme Umgebung in der Akutphase

  • Eine leichte Kopfschiefhaltung kann auch nach der Erholung verbleiben – für den Hund meist kein Problem!

  • Der Anblick eines torkelnden, rollenden Hundes ist für Besitzer extrem beängstigend – die Botschaft „das sieht schlimmer aus als es ist" rettet manchmal die Nacht!

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